Wie Marketing auf LinkedIN? Teil 2 von 7: ICP
Du schreibst kluge LinkedIn-Beiträge, aber außer ein paar Likes von Kollegen passiert nichts? Das liegt oft an einer „Zielgruppe für alle“. Erfahre, warum der ICP (Ideal Customer Profile) kein Türsteher, sondern ein Leuchtturm ist – und wie du mit der „10-Projekte-Matrix“ endlich die Kunden anziehst, mit denen die Arbeit wirklich Spaß macht.
Wir alle kennen diesen Schmerz: Du nimmst dir Zeit in deinem ohnehin schon vollen Berateralltag. Du schreibst einen wirklich fundierten LinkedIn-Beitrag über Veränderungsprozesse, digitale Transformation oder agile Führung. Du veröffentlichst ihn – und blickst in eine digitale Wüste. Keine Anfragen, keine Kommentare aus der Zielgruppe, höchstens ein paar anerkennende Likes von anderen Coaches.
Das ist extrem frustrierend. Und der Fehler liegt in 95 Prozent der Fälle nicht an der Qualität deines Textes. Er liegt an einer fehlenden Schärfe.
Viele INQA-Coaches formulieren auf LinkedIn Sätze wie: „Ich unterstütze KMU bei Veränderungsprozessen“ oder „Ich begleite Teams in schwierigen Zeiten.“ Das klingt professionell und inklusiv. Aber genau hier liegt das Problem: Wer für alle relevant sein will, ist am Ende für niemanden greifbar.
Dein Content bleibt generisch. Niemand auf der anderen Seite des Bildschirms denkt: „Wow, das ist exakt mein Problem. Diese Person spricht direkt mit mir.“ Alle denken: „Das ist bestimmt für irgendwen interessant.“
Wenn wir unser LinkedIn-Profil (wie in Teil 1 besprochen) als digitales Schaufenster betrachten, müssen wir genau wissen, wer auf dem Bürgersteig davor stehen bleiben soll. Wir brauchen einen Ideal Customer Profile (ICP).
Der Unterschied: ICP vs. Persona
In der Berater-Welt werden diese beiden Begriffe oft in einen Topf geworfen. Dabei sind sie völlig unterschiedlich – und du brauchst beide.
- Der ICP (Ideal Customer Profile) beschreibt das Unternehmen als Ganzes.
Er filtert nach Struktur, Größe, Branche, Reifegrad und Region.
Beispiel: Handwerksbetriebe, 20-80 Mitarbeitende, in Norddeutschland, die vor ihrer ersten echten digitalen Transformation stehen. - Die Persona beschreibt den handelnden Menschen in diesem Unternehmen.
Sie fokussiert sich auf Rollen, Schmerzpunkte, Motivation und Ängste.
Beispiel: Sabine, 48, inhaberführende Geschäftsführerin, die bemerkt, dass ihr Team bei neuen Prozessen blockiert und sie selbst im operativen Chaos erstickt.
Zusammengefasst: Der ICP hilft dir zu entscheiden, welche Unternehmen du ansprichst. Die Persona hilft dir zu entscheiden, mit welchen Worten du diesen Menschen dort ansprichst. Ohne ICP sprichst du mit allen. Ohne Persona sprichst du an allen vorbei.
Der Schmerz der großen Offenheit
Der häufigste Einwand, den ich von Kolleg:innen höre, wenn es um den ICP geht: „Aber ich will niemanden ausschließen! Was ist, wenn ich mich auf Handwerk fokussiere und dann ein tolles Logistik-Unternehmen anfragt?“
Die Antwort darauf ist Empowerment pur: Du darfst immer noch Ja sagen!
Dein ICP ist kein Türsteher, der andere Unternehmen wegschickt. Er ist ein Leuchtturm, der deinen Kommunikations-Fokus bündelt.
Dein Marketing auf LinkedIn benötigt diese spitze Ausrichtung, damit sich überhaupt erst mal jemand richtig abgeholt fühlt. Wenn der Logistik-Chef deinen extrem spitzen Beitrag für das Handwerk liest und die Dynamik dahinter erkennt, wird er dich trotzdem ansprechen. Aber wenn du von vornherein nur weichgespülte „KMU-Beiträge“ schreibst, meldet sich keiner von beiden.
Es geht nicht darum, sich Optionen wegzunehmen. Es geht darum, deine Energie gezielt dorthin zu lenken, wo deine Arbeit sofort auf fruchtbaren Boden fällt.
Die 10-Projekte-Matrix: So extrahierst du deine DNA
Die gute Nachricht: Du musst deinen ICP nicht neu erfinden. Du hast ihn längst. Er verbirgt sich in deiner bisherigen Arbeit. Um ihn freizulegen, reicht ein Blatt Papier (oder eine Excel-Tabelle) und etwas ehrliche Reflexion.
Nimm dir 30 Minuten Zeit und liste deine letzten zehn Kunden auf. Nicht die, die du theoretisch gern hättest, sondern die realen Projekte der letzten Jahre. Lege eine Tabelle mit folgenden vier Prüf-Fragen an:
- Gab es schnelle, messbare Ergebnisse?
- War die Zusammenarbeit leicht und reibungslos?
- Hat das Projekt richtig Spaß gemacht?
- Konnte das Unternehmen unseren Aufwand (bzw. den Eigenanteil) gut stemmen?
Streiche jetzt gnadenlos alle Kunden durch, bei denen nicht in jeder Spalte ein „Ja“ steht. Was übrig bleibt, ist der harte Kern deines künftigen ICPs.
Schau dir diese „Ja-Kunden“ nun genau an. Welche Muster erkennst du?
- Demografisch: Welche Branchen tauchen auf? Welche Firmengröße war ideal (z. B. „unter 10 war zu klein fürs Lab-Team, ab 80 wurde es zu komplex“)? Welche Region?
- Psychografisch: Was war der eigentliche, ungeschminkte Schmerz? Übersetze abstrakte Diagnosen wie ‚fehlende Agilität‘ direkt in den ungeschminkten Alltag: ‚Die Geschäftsführung musste alles kontrollieren‘.
Den Laserfokus formulieren
Aus diesen Mustern baust du nun einen einzigen, klaren Satz. Das ist deine Leitplanke für alles, was du auf LinkedIn tust.
Eine gute Formel dafür lautet:
„Ich helfe [demografische Schärfung], die [psychografischer Schmerz] erleben, damit [konkretes Ergebnis].“
Vorher (Schrotflinte):
„Ich begleite KMU in Norddeutschland bei Veränderungsprozessen und agiler Transformation.“
Nachher (Laserfokus):
„Ich begleite inhabergeführte Handwerksbetriebe in Norddeutschland (20-80 Mitarbeitende), deren Teams durch ständige Umstrukturierungen erschöpft sind. Mein INQA-Coaching befähigt die Teams, Veränderungen selbst zu steuern – und gibt der Geschäftsführung Stunden an Zeit zurück.“
PDCA: Nimm den Druck aus der Entscheidung
Oft zögern Berater an diesem Punkt, weil sich die Festlegung auf beispielsweise „Handwerk“ wie eine Entscheidung für den Rest des Berufslebens anfühlt.
Hier hilft uns das Werkzeug, das wir im INQA-Coaching selbst predigen: Der PDCA-Zyklus (Plan, Do, Check, Act).
Nimm deinem ICP die Schwere: Er ist eine solide Arbeitshypothese (Plan), deren Ausprägungen sich im Laufe der Zeit ganz natürlich verändern dürfen.
Du richtest jetzt dein Profil und deine Beiträge exakt auf diese Zielgruppe aus (Do). Das behältst du für etwa drei Monate konsequent bei. Dann schaust du dir an, was passiert ist (Check). Wer hat kommentiert? Welche Anfragen kamen an? Wenn du merkst, dass dein ICP hervorragend funktioniert, machst du weiter. Wenn du merkst, dass sich die Zielgruppe doch verschiebt, justierst du deinen ICP neu (Act).
Marketing ist iterativ. Niemand verlangt, dass der erste Wurf perfekt ist. Aber du musst einen ersten Wurf machen, um aus der Unsichtbarkeit herauszukommen.
Wie es weitergeht
Dieser klare Fokus wirkt sofort auf das in Teil 1 erstellte Profil zurück. Sobald dein ICP steht, passt du deinen Info-Text an, damit genau diese Menschen sich dort wiederfinden.
Aber ein starkes Profil und ein scharfer Fokus reichen nicht, wenn niemand davon weiß. In Teil 3 dieser Serie schauen wir uns das Netzwerk an. Wir klären, wen du überhaupt aktiv in dein Netzwerk einladen solltest (und wen nicht!), wie du strategisch an Multiplikatoren herantrittst und warum ein gesundes Netzwerk in Krisenzeiten wie ein schützender Kokon wirkt.