Wie Marketing auf LinkedIN? Teil 6 von 7: System
Postest du regelmäßig gute Beiträge, aber die sichtbaren Likes bleiben aus? Erfahre, warum das im B2B-Business völlig normal ist. Wir klären, wie der „Dark Funnel“ als unsichtbarer Trichter für dich arbeitet, warum echte Kaufentscheidungen selten in der Kommentarspalte passieren und wie du die wahren Signale liest.
Wie Marketing auf LinkedIN? Teil 6 von 7: System
Es gibt eine schmerzhafte Phase, die fast jeder INQA-Coach und B2B-Berater auf LinkedIn irgendwann durchmacht. Du hast dein Profil optimiert, deinen Fokus geschärft, dein Netzwerk umgebaut und lieferst seit Wochen kontinuierlich starken Content.
Und trotzdem: Die sichtbaren Interaktionen – also Likes und öffentliche Kommentare – bleiben überschaubar. Ein leiser Zweifel kriecht hoch: „Mache ich etwas falsch? Funktioniert mein Marketing überhaupt?“
Dieser Zweifel entsteht durch einen fundamentalen Konstruktionsfehler in unserem Denken. Wir vergleichen unser Berater-Business instinktiv mit E-Commerce. Wenn ein Online-Shop einen Turnschuh bewirbt, gibt es eine Anzeige, jemand klickt darauf und kauft den Schuh sofort. Das nennt man „Direct Conversion“. Es ist ein glatter, schneller und zu hundert Prozent messbarer Prozess.
Ein INQA-Coaching oder ein umfangreiches Change-Projekt im Mittelstand kauft man aber nicht spontan am Dienstagmorgen wegen eines netten Postings. Wir verkaufen eine stark erklärungsbedürftige Dienstleistung, die extrem viel Vertrauen erfordert. Wir arbeiten im Bereich der sogenannten „Assisted Conversions“.
Bis ein Entscheider im B2B-Umfeld den Hörer in die Hand nimmt, vergehen keine drei oder vier schnellen Kontakte. Es braucht oft zwischen 10 und 30 Berührungspunkten (Touchpoints). Und das Entscheidende ist: Diese Touchpoints finden fast ausschließlich an einem Ort statt, den wir liebevoll den „Dark Funnel“ nennen.
Die Psychologie des Dark Funnel: Warum Entscheider schweigen
Oft werden die Begriffe ‚Dark Funnel‚ und ‚Dark Social‚ in einen Topf geworfen, doch es hilft, sie klar zu trennen. Dark Social bezeichnet die unsichtbaren Netzwerke und Kommunikationswege selbst – also firmeninterne Slack-Kanäle, private WhatsApp-Nachrichten oder das Gespräch an der Kaffeemaschine. Der Dark Funnel (der dunkle Trichter) beschreibt hingegen den gesamten unsichtbaren Entscheidungsprozess, den deine Zielgruppe über genau diese Kanäle durchläuft. Keine Tracking-Software der Welt kann diesen Weg messen, doch in der menschlichen Realität geht er hochaktiv vonstatten.
Um das zu verstehen, müssen wir uns in die Psychologie der Zielgruppe hineinversetzen. Stell dir eine Geschäftsführerin vor, deren Führungsteam zerstritten ist und bei der wichtige Transformationsprozesse stocken. Sie betritt LinkedIn und liest deinen punktgenauen Beitrag über genau diesen Schmerz.
Wird sie jemals öffentlich unter deinen Beitrag kommentieren: „Ja, genau so ist es bei uns, mein Team hört überhaupt nicht mehr auf mich“? Niemals. Das wäre ein öffentlicher Gesichtsverlust vor Mitarbeitern, Mitbewerbern und Kunden.
Im qualitativ hochwertigen B2B-Umfeld gibt niemand öffentlich Schwächen zu. Daher verlässt die Interessentin an diesem Punkt die sichtbare Bühne von LinkedIn. Die Diskussion wird „dark“.
Vielleicht kopiert sie den Link zu deinem Beitrag und schickt ihn via WhatsApp an ihren Mitgesellschafter („Lies dir das mal durch, der Autor trifft genau unseren Punkt“). Vielleicht leitet sie ihn per Direktnachricht auf LinkedIn an ihren Steuerberater weiter, um nach Fördermöglichkeiten zu fragen. Vielleicht druckt sie deinen Artikel aus und legt ihn im nächsten Management-Meeting auf den Tisch.
Für dich und die LinkedIn-Statistik sieht es so aus, als wäre nichts passiert. Keine Likes, keine öffentlichen Zeichen. Doch in Wahrheit arbeitet der Dark Funnel gerade auf Hochtouren für dich.
Das Dilemma der Messbarkeit (und wie es uns befreit)
Dieses Wissen ist deshalb so wichtig, weil Berater oft viel Zeit und Geld verschwenden, um ihr LinkedIn-Marketing irgendwie messbar zu machen. Sie nutzen externe Links mit komplizierten Tracking-Codes und werten Klickstatistiken aus.
In unserem Geschäft ist das vergebene Liebesmüh. Wenn ein Geschäftsführer beim Abendessen seinem Partner von dem klugen Ansatz erzählt, den er heute von dir in einem LinkedIn-Kommentar gelesen hat (Touchpoint 14 von 20) – wie oft wurde das dann von Google Analytics „getrackt“? Gar nicht.
Du darfst dich also völlig davon befreien, deine LinkedIn-Dienstleistung wie einen Online-Shop zu vermessen!
Dein Marketing ist nicht kaputt, nur weil dein Dashboard keine direkten Sales-Grafiken in Echtzeit ausspuckt. Der Dark Funnel ist per Definition nicht durch Software messbar.
So liest du die „stillen Signale“
Wenn wir keine Software nutzen können, woher wissen wir dann, dass dieses System (aus Profil, ICP, Netzwerk, Content und Kommentaren) wirklich funktioniert? Wir müssen lernen, die qualitativen, leisen Signale zu lesen.
Signal 1: Die vernetzende Anerkennung
Achte genau darauf, was in deinem Postfach passiert, wenn du eine Kontaktanfrage erhältst oder annimmst. Erlebst du es, dass aus einem bloßen Follower plötzlich ein Kontakt wird und er dir schreibt: „Hallo, ich lese schon seit einigen Monaten still mit und finde Ihre Beiträge und Kommentare extrem wertvoll.“?
Das ist der klassische Beweis für Dark Social. Diese Person hat deinen Auftritt über Wochen hinweg ungefiltert geprüft und bei jedem unsichtbaren Touchpoint leise Vertrauen aufgebaut. Jetzt entscheidet sie sich bewusst für den aktiven Kontakt
Signal 2: Self-Reported Attribution
Vergiss alle Tracking-Tools der Welt. Das wichtigste Instrument, um deinen Erfolg auf LinkedIn zu messen, ist eine einzige, simple Frage. Du stellst sie obligatorisch am Anfang (oder Ende) jedes Erstgesprächs mit einem neuen potenziellen Kunden:
„Herr Müller, wir haben ja heute zum ersten Mal direkten Kontakt – verraten Sie mir kurz, wie sie eigentlich auf mich aufmerksam geworden sind?“
Die Antwort wird dich oft verblüffen. Herr Müller wird nicht sagen: „Ich habe letzten Dienstag um 14 Uhr auf Ihren Link geklickt.“ Er wird Dinge sagen wie: „Mein IT-Leiter hat mir Ihren Beitrag über Teamentwicklung auf Slack weitergeleitet.“ Oder: „Ich habe gesehen, wie souverän Sie letzte Woche unter dem Post von unserem Branchenverband geantwortet haben, dann habe ich mir mal Ihr Profil durchgelesen und es mir abgespeichert.“
Das ist die sogenannte „Self-Reported Attribution“ (selbst-berichtete Zuordnung). Sie ist im Beratergeschäft der einzige verlässliche Weg, um zu verstehen, an welchen unsichtbaren Orten deine Kaufentscheidungen gerade reifen.
Der Kreislauf schließt sich
Der Dark Funnel ist kein Werkzeug, das man „einstellt“. Er ist das unvermeidbare Resultat deiner Vorarbeit.
Wenn dein Profil exakt formuliert ist (Teil 1), du deinen ICP kennst (Teil 2), ein starkes Multiplikatoren-Netzwerk pflegst (Teil 3), durch Resonanz-Content auffällst (Teil 4) und durch erstklassige Kommentare in anderen Netzwerken sichtbar wirst (Teil 5) – dann füllt sich dieser unsichtbare Trichter von ganz allein. Du begleitest deine potenziellen Kunden geduldig durch ihre 30 Touchpoints, bis sie das Vertrauen fassen, auf „Nachricht senden“ zu klicken.
Genau dieses Wissen gibt dir die Gelassenheit, stur auf Kurs zu bleiben, wenn es nach außen hin mal ruhig wirkt.
Wie wir all das nun in eine Routine gießen, die wir im Berater-Alltag verlässlich und stressfrei durchhalten können (ohne zum ständigen Content-Creator zu mutieren), besprechen wir im siebten und finalen Teil dieser Serie: Fokus halten